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Weschnitz-Blitz Juli-August 2013 Nr. 60 | cw

Museum der anderen Art
Nach über zweijähriger Restaurierungszeit kann die „neue" Alte Schule in Bonsweiher
jetzt der Öffentlichkeit übergeben werden

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[Foto: Biberstudio]

Fast 100 Jahre lang, von 1880 bis 1976 drückten hier etliche Generationen von Bonsweiherern die Schulbank. Zeitweise wohnten die Lehrer unter ihrem Dach und auch das Standesamt war hier beheimatet. Hatte Bonsweiher 1880 noch 100 Schulkinder in vier Klassen, reichten 1976 die Schülerzahlen nicht mehr aus, um den Weiterbetrieb rechtfertigen zu können. Die Bonsweiherer Kinder gehen seither in die Grundschule nach Mörlenbach und in die weiterführenden Schulen der Nachbargemeinden. Die Schule in Bonsweiher harrte einer neuen Verwendung.


Der Gemeinde Mörlenbach gelang es schließlich im Rahmen der Dorferneuerung Mittel der Europäischen Union für die Sanierung der Schule zu bekommen. Man wollte das denkmalgeschützte Gebäude erhalten und für die Bonsweiherer Bevölkerung wieder nutzbar machen. Unter Hinzuziehung des Amtes für Denkmalschutz wurde die Schule entsprechend ihrem ursprünglichen Zustand und mit moderner Technik restauriert. Fenster und Türen wurden nach den historischen Vorbildern neu gearbeitet. Teile des ursprünglichen Fußbodens konnten sogar erhalten werden.

In die Planungen zur Verwendung des Gebäudes schaltete sich Heiko Lorenzen ein. Der gebürtige Hamburger, der seit 47 Jahren mit seiner Familie in Bonsweiher lebt, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Ortsgeschichte. „Angestiftet", wie er sagt, durch den gebürtigen Bonsweiherer Walter Winkler, hatte sich der studierte Maschinenbauingenieur für die Geschichte der Mühlen in Bonsweiher interessiert. Walter Winkler konnte Kontakte zu „alten" Bonsweiherern herstellen. So gelang es, in vielen Gesprächen,

für die sie zum Teil von Haus zu Haus gingen, Erinnerungen, Erfahrungen, Wissen und auch Dokumente zu sammeln und auszuwerten. Die Ergebnisse ihrer Nachforschungen präsentierten sie in einem öffentlichen Vortrag „Mühlen am Ederbach" im Dorfgemeinschaftshaus.

Das war vor 15 Jahren. Damals bedauerten sie, keinen Ort zu haben, an dem sie ihr gesammeltes Wissen dauerhaft der Bevölkerung präsentieren konnten. Ganz zu schweigen von all den geschichtsträchtigen Dokumenten und Materialien, die ihnen bei den Gesprächen mit Bonsweiherern zusätzlich zugetragen wurden und die Neugierde für weitere Themen weckte. „Es kam eins zum anderen", sagt Heiko Lorenzen.

Als nun die Sanierungspläne für die alte Schule bekannt wurden, brachte Heiko Lorenzen seine Idee ins Spiel, dort auch Platz für ein Heimatmuseum der anderen Art zu schaffen. Für die Umsetzung dieses ehrgeizigen Zieles fand er engagierte Bonsweiherer Bürger und Bürgerinnen, die ihrerseits Ideen mitbrachten, um die Bonsweiherer Dorferneuerung mit Leben zu füllen. 2010 gründeten sie den Kultur- und Museumsverein, unter dessen Dach es nun auch möglich war, dringend benötigte Spenden zu akquirieren.

In emsiger Kleinarbeit ist es gelungen, ein kleines Museum zu gestalten, das eng mit der Geschichte Bonsweihers verbunden ist und dessen Exponate zu einem großen Teil von hier stammen. Dieses Museum hat seinen Platz in der Alten Schule gefunden und wird am Tag des offenen Denkmals in seinem derzeitigen Stand der Bevölkerung gezeigt.

Zwei Museumsräume sind im Untergeschoß direkt von der Straße aus zugänglich. Es ist eine Feuerwehrausstellung mit einem Spritzenwagen von 1896 und einer Handspritze von 1900. Eine Chronik gibt Einblick in die Entwicklung der Feuerwehr. Mithilfe moderner Technik erlebt man die Atmosphäre eines Brandes mit. Ein zweiter Raum ist der Lederindustrie gewidmet. Sie hat nach dem zweiten Weltkrieg die Steinhauerei als Haupterwerbsquelle in Bonsweiher abgelöst. Viele gingen als Facharbeiter zu Freudenberg in die Schuhfabrik oder Gerberei. Am Ort gab es zwei selbständige Schuster, aus deren Nachlass einige Maschinen des Lederhandwerks ausgestellt werden, wie eine Ledernähmaschine, Gürtelschneidmaschine, u.a.

Durch den Haupteingang der Schule erreicht man im Erdgeschoß den „Sängerraum", Übungsraum für die derzeit drei Chöre des Sängerbund Bonsweiher, einen Veranstaltungsraum mit Küche für Vereine und Privatleute, sowie einen Jugendraum für die Bonsweiherer Jugendlichen.

Ein Stockwerk höher findet man einen weiteren Museumsraum. Auf einem Viertel des ehemaligen Schulraumes wird ein kleines Klassenzimmer nachgebildet. Hier ist der Fußboden aus Originaldielen zusammengesetzt, das Originalmobiliar konnte aus einer anderen Schule „gerettet" werden. Ein Ofen wurde zugekauft, denn um ihn ranken sich viele Geschichten, die in der Erinnerung mancher ehemaligen Schüler noch lebendig sind. Die Bedeutung dieses Ofens mag unterstreichen, dass er nicht nur die Schulkinder warmzuhalten hatte. Er wurde auch von der Lehrerin genutzt, um ihre Wäsche zu kochen, was Anlass zu allerlei Schulbubenstreichen gab.

Neben dem nachgestellten Klassenzimmer wurde die Abseite unter der Dachschräge geöffnet, um an schwierige Zeiten für Bonsweiher zu erinnern. Hier wird in Enge und Dunkelheit ein Schützengraben im ersten Weltkrieg nachgestellt. Anstoß für dieses Exponat gab eine noch erhaltene Sammlung von Briefen, die Mitglieder des Sängerbundes von der Front an ihren Dirigenten, den Lehrer Friedrich Wilhelm Held, schrieben. Held ist es auch zu verdanken, dass über das damalige Alltagsleben im Ort Informationen erhalten sind. Er schrieb die „Chronik unserer Gemeinde im Weltkrieg".

Der zweite Teil der Abseite ist der Erinnerung an den zweiten Weltkrieg gewidmet. Durch die technische Entwicklung der Bomben wurde dieser Krieg nicht allein an der Front geführt. In Bonsweiher gab es etwa 10 Bunker, die die erfahrenen Steinhauer in Felsen gesprengt hatten. Dort suchte die Bevölkerung Schutz bei Fliegeralarm. Ein solcher Bunker wird im Museum nachgebildet.

Neben weiteren Exponaten zur Geschichte Bonsweihers sind für die Mitte dieses Raumes vier Bildschirme samt Kopfhörern geplant, mit deren Hilfe man sich das zusammengetragene Wissen über die Geschichte Bonsweihers selbst erschließen kann. Heiko Lorenzen hat Informationen, Geschichten, Dokumente, Bilder digitalisiert. In dem „multimedialen Geschichtslexikon" kann man über eine Zeitachse oder über ein Sachregister Informationen abrufen. Durch eingestellte Videoclips bleibt die Geschichte äußerst lebendig.

Die digitale Technik lässt Veränderungen zu. So hofft Heiko Lorenzen, dass die Sammlung durch Rückmeldungen von Besuchern ergänzt werden kann. Er versteht seine Rolle als die des Sammlers und Dokumentars. Er möchte die Quellen für Wissen erschließen und dieses erhalten. Das hier gesammelte Wissen macht anschaulich, wie die im Geschichtsunterricht gelernten Fakten das Alltagsleben der Ortsbevölkerung bestimmt haben. Mit dem „digitalen Heimatmuseum" entsteht eine zeitgemäße Präsentation. So lebendig wie die Gestaltung des Museums möchte der Kultur- und Museumsverein auch dessen Nutzung sehen. Kindergärten, Schulen, Altersheime sollen eingeladen werden zu Themennachmittagen, Erlebnistagen Filmvorführungen oder Geschichtsvorträgen im angrenzenden Vortragsraum.

Am Tag des offenen Denkmals können die Museumsräume mit einigen Ausstellungsstücken besichtigt werden. Ein regelmäßiger Museumsbetrieb ist ab Herbst 2014 geplant.

Tag des offenen Denkmals
Sonntag, 8. September von 11 bis 17 Uhr
mit stündlichen Führungen und Kaffee und Kuchen auf dem Dorfplatz

Eröffnung der neuen „Alten Schule"
Donnerstag, 12. September, 19 Uhr
Terminänderungen entnehmen Sie bitte der Tagespresse

 

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Nach über zweijähriger Restaurierungszeit kann die „neue" Alte Schule